Mein Rückblick auf die Zappanale #21

Wie schwer kann man sich eigentlich tun, wenn man seine ganz persönlichen Eindrücke einer sechstägigen Veranstaltung zusammenfassen möchte? Sehr schwer! Da wartet man nun ein Jahr darauf, dass es endlich wieder los geht und nach gefühlten wenigen Stunden ist alles schon wieder vorbei. Wo ist nur diese Woche geblieben?

 

Los ging es beim Auftaktkonzert in Hamburg. In der St. Katharinenkirche spielte das Ensemble Ambrosius aus Finnland Werke von Zappa, Bach und einige Eigenkompositionen. Night School, RDNZL, Son Of Orange County, Dupree´s Paradise, The Black Page, Zoot Allures, Big Swifty und The Idiot Bastard Son(unter Mitwirkung von Napoleon Murphy Brock) wurden dargeboten auf Cello, Akkordeon, Violine, Kantele, Cembalo, Glockenspiel, Orgel, Melodika und Cembalo. Viel Applaus, strahlende Gesichter und glückliche Musiker waren ein grandioser Auftakt für das, was in den nächsten Tagen noch folgen sollte. 

 

Das war die eine Seite dieser Veranstaltung. Genauso schön - nee: noch viel schöner war das Wiedersehen mit lieben Freunden und Bekannten, die quer aus ganz Deutschland angereist waren. Das war dann auch während der gesamten Zappanale für mich das Wichtigste. Wiedersehensfreude, bzw. endlich einmal die Leute von Angesicht zu Angesicht kennenlernen, mit denen man schon seit Monaten per Internet quatschte und fachsimpelte.

 

Die nächsten beiden Tage spielten sich dann am Kamp in Bad Doberan, im Kino oder in der Ausstellung ab. Gespannt machte ich mich aber erst einmal auf zum Festivalgelände an der Galopprennbahn, um schon mal einen ersten Blick zu riskieren. Was für eine Überraschung! Alles anders als erwartet. Die Bühne stand um 90 Grad gedreht und kein Zirkuszelt, sondern ein riesiger mondäner Zeltbau - Zugeständnisse und Kompromisse für und an den Veranstalter der Renntage, die unmittelbar nach der Zappanale stattfinden sollten. Trotzdem keine schlechte Lösung: Vom Zelt aus war der Platz zur Mainstage ein wenig abschüssig, somit war auch von den hinteren Plätzen und vom Zelt aus immer gute Sicht gewährleistet.

 

Wieder zurück in Bad Doberan ging ich zur Ausstellung “20 Jahre Zappanale”. Robert und Dieter hatten sich mal wieder mächtig ins Zeug gelegt und präsentierten gleich vier verschiedene Ausstellungen: Ein Schwerpunkt lag im Rückblick auf die Geschichte der Zappanale, ein weiterer in der Zeit davor: “Zappa und die DDR” informierte über die Rahmenbedingungen, unter denen sich Musiker und Fans in der DDR mit dem Regime arrangieren mussten oder eben auch nicht! Ein wirklich beeindruckender Film löste Beklommenheit, Respekt und manchmal auch Heiterkeit aus. In einem dritten Teil der Ausstellung zeigte Helmut King seine neuen Hobel- und Wieselprojekte. Ich freute mich ganz besonders, Helmut wieder treffen zu können. Er ist ein ganz lieber Mensch, dem man auch die Freude anmerkte, wieder dabei sein zu können. Ein weiteres Highlight stellten Grafiken und Bilder dar, die Cal Schenkel für diese Ausstellung zur Verfügung stellte.

 

Der Programmablauf im Kino geriet etwas durcheinander, was mir nicht so viel ausmachte. Diesmal wollte ich mehr Zeit am Kamp verbringen, ein paar Bierchen trinken und ein wenig von den spielenden Bands sehen und hören. Am Mittwoch bekam ich nach dem Begleitfilm zur Ausstellung “Musik, Politik, Subkultur & Zappa in der DDR” noch Paul Green´s Band of Monkeys mit, die sich diesmal an U2 versuchten. Am Donnerstag dann schon mein erstes Highlight: Don Condor & The Texas Outpost gaben ihr Debut in Bad Doberan, stellenweise unterstützt von Denny Walley. Große Begeisterung auf dem Kamp! Und auch Robert Martin und Ray White zog es direkt vor die Bühne, um Denny zuzujubeln. Ray sagte mir später, dass er Denny selten so glücklich gesehen hat “wie ein kleiner Junge hat er sich gefreut” und dieser Moment war der Auslöser dafür, dass er erkannte, was hier passiert. Erst Robert Martin und Ike Willis machten ihn auf dieses kleine Festival aufmerksam. Und er versicherte mir, dass er unheimlich froh ist, nun bei dieser großartigen Veranstaltung dabei sein zu können.

 

Am Donnerstag Abend beendeten Paul Green´s Band of Monkeys das offizielle Programm auf dem Kamp mit einer Session kreuz und quer durch alle rockigen Highlights der letzten 20 Jahre. Ohne Zweifel: spielen können sie, jedoch macht der Gesang so manches Stück kaputt. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich noch schwer begeistert. Mit den Jahren komme ich aber immer mehr zur Erkenntnis, dass ich sowas nicht zwingend brauche. Andererseits kommen sie gerade beim jüngeren Publikum sehr gut an und bringen durch ihre Präsenz auf der Bühne und dem Festivalgelände eine gewisse Atmosphäre in die Veranstaltung. Also soll’n se halt wiederkommen, wenn sie denn wollen. Und das kann wirklich fraglich sein, nachdem Paul Green sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag plötzlich nach Berlin absetzte und die Kids allesamt ziemlich bedröppelt alleine zurück ließ.

 

Wie gesagt, das war das Ende des offiziellen Teils auf dem Kamp. Was folgte, war ein wunderbarer Abend bei ein paar weiteren Bierchen, Moods und leckerem japanischem Single Malt, viel Gelächter und wie immer hier: vielen netten Leuten. Übrigens: die Hälfte des Programms ist bereits vorbei! Wo ist die Zeit geblieben?  

 

 


Der zweite Teil meines Rückblicks auf die Zappanale #21 ist dem ersten Festivaltag an der Galopprennbahn gewidmet.

 

Was für ein wunderbarer Einstieg in diesen Tag. Lilo stand völlig alleine auf der Bühne und berieselte uns mit sanften Gitarrenklängen. Eine nette Abwechslung zum Nieselregen, der mal eine Pause einlegte. Nur zögerlich versammelten sich die Zuhörer vor der Bühne. Klar, es war Freitag Mittag und die Festivalbesucher trafen so langsam erst ein. Viele waren noch mit Zeltaufbau und dem Aufpumpen von Luftmatratzen beschäftigt.

 

Den Auftritt von Turbophob am Kamp hatte ich verpasst, also auf zur Truckstage. Letztes Jahr konnte ich mich ja schwer für Die Reise begeistern, die lediglich mit Schlagzeug und Gitarre eine Superstimmung machten. Also war ich gespannt, was man mit Schlagzeug und Bass anstellen kann. Oha! Viel begeisterte Jugend und ein flüchtender Burkhard. “Unverkrampfter Postpunk mit deutlichen Noise- und Stoner-Anleihen!” - Ich hätte das Programmheft besser lesen sollen....

 

Das war doch mal ne Ansage: “Ihr hört heute und in den nächsten Tagen noch sooo viel Zappa, da machen wir mal was ganz anderes und spielen diesmal keinen Zappa” war die Begrüßung vom Jazzprojekt Hundehagen. Und es wurde ein feiner Gig mit Highlights wie Stratos oder halt doch als Zugabe ein Black Napkins.

 

Bongo Fury rockten anschließend mit ihrem 60er und 70er Jahre Zappa-Repertoire mächtig die Bühne, vor der es schnell voll wurde. Einige Titel dienten als Grundlage für witzige Interpretationen und Jams - Zappanale da bist du! Da schmeckt die Halbmeterwurst gleich nochmal so gut. Ach ja, gleich mal ein Bierchen dazu, gerade mal ne Regenpause - was will man mehr?

 

Anschließend die offizielle Eröffnung der Zappanale durch Wolfhard Kutz, den Mann, der sie einst ins Leben gerufen hat, begleitet vom Bad Doberaner Bürgermeister Hartmut Polzin und Jim Cohen.

 

Was zählt, ist Flexibilität! Da Robert Davidson, der Fotograf des berühmten Kloposters, seinen Auftritt am Mittwoch nicht wahrnehmen konnte, kam er nun auf die Bühne und konnte seine Geschichte hier erzählen. Zur Freude aller, denn die Entstehung des Fotos, das später als Vorlage für diesen provozierenden Wand- schmuck diente, verdient es, gehört zu werden. Sehr berührt offenbarte Davidson abschließend über seine Affinität zu Deutschland. Harter Tobak! Kloß im Hals!

 

Mit Spannung erwartete ich nun den Auftritt vom Ensemble Ambrosius. Ok, barocke Klänge in einer Kirche sind vorstellbar, aber hier auf einem Festival- gelände? Schon auf der Zappanale #18 war ich überrascht, wie gut das Harmonia Ensemble aufgenommen wurde, das war jedoch nichts im Vergleich zu dem, was hier passierte. Die Finnen wurden geradezu frenetisch abgefeiert. Wieder begannen sie mit dem Titel Night School und wieder kam Napoleon mit seinen barocken Klamotten auf die Bühne. In der St. Katharinenkirche war das in diesem Gesamtrahmen würdig, hier auf der Festivalbühne setzte es dem Fass die Krone auf. Man wurde ganz einfach angesteckt, in den Bann gezogen von der Ausstrahlung des Ensembles und garnicht anders hätte Napoleon erscheinen dürfen.

Am Aufgang zur Bühne stand ein faszinierter Robert Martin, der sich streng Ruhe erbat - keine laute Unterhaltung! Kein rhythmisches Klatschen! Gebannt stand er da und schüttelte nach dem Konzert (im wahrsten Sinne des Wortes: Konzert!) jedem einzelnen Künstler die Hand und bedankte sich. Vor der Bühne immer noch frenetischer Jubel.

Unglaublich! Bitte mehr davon! Ensemble Modern, die Londoner Philharmoniker - man fängt echt an zu spinnen. Aber das sind die wirklichen Highlights und außergewöhnlichen Momente, die eine Zappanale ausmachen und die sich gleichzeitig mit solchen Ereignissen deutlich von anderen Festivals abhebt.

 

Und das nächste Highlight folgte: The Muffin Men kamen auf die Bühne. Die dienstälteste Zappa-Coverband in kleiner Besetzung - aber hochkarätig verstärkt. Ike Willis, Robert Martin, Denny Walley und endlich an der Rennbahn: Ray White! Die Krönung wäre noch ein Auftritt von Napoleon gewesen, aber der ward nach dem Auftritt mit dem Ensemble Modern nicht mehr auf einer Bühne gesehen. Das war vor zwei, drei Jahren noch ganz anders. Ob es unter diesen Umständen künftig noch Sinn macht, ihn zur Zappanale zu holen, sollte man sich wirklich einmal überlegen.

Ray White gab jedenfalls alles. Wie er zu Doreen ansetzte war umwerfend. Denny hatte mal wieder Spaß und die pure Freude war ihm anzumerken. Robert war ja nun zum zweiten Mal in Folge da und offensichtlich liebt er dieses Festival. Ike war wie immer körperlich und stimmlich dominant.

 

Den letzten Gig ließ ich ausfallen. Nachdem ich bereits am Mittwoch und Donnerstag von Paul Green & The Band Of The Monkeys “beglückt” wurde und ich den Eindruck der letzten beiden Konzerte gerne beibehalten wollte, war´s das heute für mich.

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Im Teil 3 meiner kleinen Rückschau auf die Zappanale #21 geht´s um Euch! Was wäre eine Zappanale ohne diese tollen Besucher? Und diese einzigartige Atmosphäre, lecker Bier, Halbmeterwurst, Sonnenuntergang, diesmal leider auch etwas Regen, Begegnungen, Fotos mit Stars, Autogramme, und, und, und ...

 

Der zweite Tag an der Rennbahn begann mit miesem Wetter. Es regnete zum Teil recht heftig. Orange The Juice hatten die undankbare Aufgabe, als erste Band zu spielen. Vor der Bühne kamen die Leute nur sehr spärlich zusammen. Die meisten kamen im Festivalzelt zusammen, das sich prima bewährte: Guter Blick, optimaler Sound direkt neben der PA-Anlage und in Reichweite die Bierstände.

 

Anschließend kam der von vielen so lang ersehnte Auftritt von Caballero Reynaldo. Es regnte noch immer aber vor der Bühne wurde es deutlich voller. An den Tagen zuvor wurde schon die Devise ausgegeben: Den Frauen gehören die ersten drei Reihen! Es war dann doch etwas gemischter. Und alle hatten vor, aber auch auf der Bühne ihren Spaß an den eigenwilligen Interpretationen von Bobby Brown, The Torture Never Stops und all den anderen Titeln, die manchmal nur erraten werden konnten, wenn man halbwegs textsicher ist.

 

Viva Vincent! Das, was folgte, darf ruhig als eines der Highlights der diesjährigen Zappanale bezeichnet werden. The Central Scrutinizer Band aus Brasilien beeindruckte vom ersten bis zum letzten Takt. Sehr guter Gesang in allen Tonlagen (für mich ganz besonders wichtig) und beeindruckend sicher gespielte Instrumente gepaart mit einer Ausstrahlung, die sofort jede/n in ihren Bann zog. Da hätte es auch weiter regnen können (tat es zum Glück aber nicht). Es wurde rappelvoll vor der Mainstage. Die Band wurde abgefeiert, wie selten eine Band an der Rennbahn (dieses Jahr noch am ehesten mit dem Ensemble Ambrosius vergleichbar). Ein ganz großer Wunsch ging für die Band gleich mehrfach in Erfüllung. Zu gerne wollten sie nach einem gemeinsamen Auftritt mit Ike Willis im Jahr 1997 noch einmal mit einem ehemaligen Mitstreiter Zappa´s auf der Bühne stehen. Diesen Gefallen taten ihnen Robert Martin, Denny Walley und Ray White. Und denen machte es sichtlich größte Freude, gemeinsam mit diesen Vollblutmusikern auf der Bühne zu stehen. Zum Schluss waren sich alle einig: Die müssen unbedingt noch mal wiederkommen.

 

Mit der schwedischen Formation Beardfish ging es in den Samstagabend. Progrock auf der Zappanale - geht das? So auch die Frage von Rikard Sjöblom in die Menge. Klar, geht prima! Mein Problem mit dem Auftritt von Beardfish war, dass zwar technisch einwandfreie Musik gespielt wurde, Sjöblom´s Gesang aber alles kaputt machte. Meine Güte, der hatte echt Mut! So laut und so falsch!

 

Endlich war es soweit. Er war tatsächlich wieder da: Daevid Allen! Seine Musik begleitet mich ebenso lange wie die von Frank Zappa, gesehen hatte ich ihn bislang jedoch “nur” mit Gong. Nun wollte er also mächtig Krach machen mit University of Errors. Die Hässlichkeiten dieser Welt wollte er reflektieren, mit Dissonanzen und dunklen Elementen herüberkommen. Oha! Wird wohl nicht mein Ding sein... Und was kam? Unglaublich schöne Musik mit vielen Stilelementen, wie ich sie von Gong her kenne. Da kam er letztes Jahr mit Acid Mothers Guru Guru Gong wesentlich anstrengender rüber. Jetzt hatte er wieder richtig Spaß auf der Bühne und auch am nächsten Tag, als er ausgelassen auf dem Festivalground zum Filthy Habits Ensemble abtanzte. - Nein, kein Star! Er ist sich stets treu geblieben, macht sein Ding und lebt sein Leben. Respekt. Ich hoffe, dass ich in 20 Jahren auch noch so gut drauf bin.

 

Dann wurde es hart: Die mp3-Dateien auf der Community-Site der Arf Society ließen schon nichts Gutes vermuten. Aber das, was Zappatika hier ablieferten war einfach nicht gut. Ok, ist halt mein ganz persönlicher Rückblick, mögen andere anders empfunden haben. Für mich war´s halt nix! Und wie fand es Ike?

 

Der letzte Teil meines Rückblicks auf die Zappanale #21 beginnt mit einem der ganz großen Momente an der Galopprennbahn. LeBocal, die sich tags zuvor auf die Truckstage quetschten, breiteten sich auf der Mainstage aus und verbreiteten einen sensationellen Sound auf dem Festivalground. Nach wenigen Momenten wurde es rappelvoll vor der Bühne und die Leute ließen sich den Bläserwind um und durch die Ohren pfeifen. Ja, da war er, der versprochene Big Band Sound, der Erinnerungen an Zappa´s 88er Tour wach werden lassen sollte.


Aber nix von wegen Note für Note brav nachgespielt! Sambarhythmen und Funk, gepaart mit exzellenten Gesangsparts von Ernie Odoom und dessen grandiosen Entertainerqualitäten verbreiteten gute Laune und fröhliche Gesichter am Sonntagmorgen. Was für eine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz hat dieser Mann! Ich möchte behaupten, dass er in diesem Jahr diesbezüglich als einziger neben Napoleon zu überzeugen wusste (Ponty lassen wir da selbstredend einmal außen vor).


Vorsichtig machte die Band klar, dass sie auch Eigenkompositionen zum Besten geben wird, die aber hoffentlich ob ihrer zappaesken Strukturen gefallen werden. Und gerade die kamen besonders gut an. Ich glaube fast, LeBocal hätte sogar den Tiger Rag spielen können, dieser Sound haute einfach alle um. Dass Robert Martin ein Saxophonsolo beisteuerte, setzte dem Fass die Krone auf! Alles in Allem eines der besten Konzerte, welches ich je auf einer Zappanale erlebte.

 

Nach der Umbaupause wurde es schlagartig wieder eng vor der Mainstage. Einer der wahnwitzigsten Gigs diesen Jahres stand an: Sebkha Chott, die letztes Jahr leider kurzfristig absagen mussten, stellten zunächst einige verrückte Dinge auf die Bühne, läuteten mit heftigen Geräuschen ihren Auftritt ein und erschienen nach und nach in ebenfalls verrückter Montur. Diese Show zog alle in ihren Bann, alte Zappatistas ebenso wie das ganz junge Publikum. Ungewöhnliche Optik, Anmache vom “Sänger”, karnevalistische Einlagen und teils fremdartige Geräusche hatten trotz alledem irgendwie eine insgesamt belustigende Wirkung. Schade, dass dieser Gig schon so früh angesetzt war. die eigens mitgebrachte Lightshow kam kaum zur Geltung, hätte aber zu späterer Stunde dieses “Gesamtkunstwerk” sicherlich noch deutlicher in Szene gesetzt.


Nach dem Auftritt hatte ich noch ausgiebig Gelegenheit, mich mit ihnen zu unterhalten. So ganz zufrieden waren sie nicht, da nach dem Ausstieg von B. Popol II und Jules Kaiser immer noch immense Probleme bestehen, mit der komplexen Bühnen- und Computertechnik klarzukommen. Sie hatten da wohl ein paar Aussetzer, die (wie ich ihnen ruhigen Gewissens versichern konnte) wohl kaum jemand mitbekommen hat. Übrigens verbergen sich hinter den Masken und Kostümen ganz nette normale Jungs, die gerne das eine oder andere Bierchen trinken und einfach gut drauf sein wollen.

 

Nach den beiden Bands aus Frankreich kam das spanische Filthy Habits Ensemble und lieferten wie versprochen einen grandiosen Auftritt ab. Ein außer Rand und Band tanzender Daevid Allen inmitten der Zuschauerschar, wippende Füße allüberall, sich biegende Körper und ein glücklich strahlender Wolfhard waren Ausdruck allgemeiner Begeisterung. Die komplexen Arrangements präzise gespielt, war dies eine hervorragende Ergänzung zu dem, was schon LeBocal ablieferten, nur eben eine ganze Portion rockiger, jazziger und härter. Ein Kritiker brachte es mal auf den Punkt: “Die Interpretationen Zappa´s Musik kommen dabei mit einer Frische und humoresken Unverfrorenheit zum Publikum, dass es sich dieser respektlosen Inszenierung nicht zu entziehen vermag.”

 

Spätestens jetzt kam das mulmige Gefühl im Magen! Als Jean-Luc Ponty die Geige in die Hand nahm, war klar: gleich ist´s vorbei. Zunächst aber bitte volle Konzentration auf diesen einmaligen Geigenvirtuosen. Wenn man nicht gerade abgelenkt war von Guy Nsangue Akwa am Bass. Wow! Ob es da irgendeine Verwandtschaft zu Stanley Clarke gibt? Aber auch William Lecomte an den Tasten und der noch sehr junge Pierre-Francois Titi Dufour an den Drums lieferten eine überzeugende Leistung ab. Insgesamt ein sehr gut eingespieltes Quartett, dem man auch eine ganze Portion Spielfreude anmerkte. Ponty war völlig entspannt, ganz anders als Terry Bozzio letztes Jahr, der um seine Person doch eine Menge Aufhebens machte. Hier war von Starallüren absolut nichts zu merken. Große Freude, als sogar King Kong gespielt wurde. Pontys Hommage an Frank Zappa an diesem Abend - und wohl auch an die Zappanale.

 

Die Goodbye to Zappanale #22 Session beendete den offiziellen Teil der Zappanale 2010. Das Wetter zeigte sich noch kurz einmal von seiner miesesten Seite, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Es war mal wieder die beste Zappanale von allen mit einem Schlusstag, der es schwer machte zu glauben, dass es das schon wieder gewesen sein soll. Auf der Truckstage ging noch mal richtig die Party mit Aufrichtiges Zappa ab und backstage wurde bis in die frühen Morgen- stunden gefeiert.

 

Das war für mich mal wieder eine tolle Woche. Schon der Auftakt in Hamburg war vielversprechend. Meine persönlichen Highlights waren ganz klar Daevid Allen (der mich genau so lange begleitet wie Frank Zappa), The Muffin Men, das Ensemble Ambrosius, natürlich die Central Scrutinizer Band, die umwerfenden LeBocal, die wahnsinnigen Sebkha Chott und selbstredend Jean-Luc Ponty & His Band und das Wiedersehen mit all den lieben Leuten, auf die ich mich ganz besonders freue, wenn´s hier im nächsten Jahr wieder ab geht.

 

Wie ich beobachten konnte, kommen Big Band Sound, klassische Ausrichtungen (2007 Harmonia Ensemble / 2010 Ensemble Modern) und Verrücktheiten wie Sebkha Chott besonders gut an. Hätte ein Gerät zur Messung der Beifallslautstärke zur Verfügung gestanden, wären nach meinem Eindruck bestimmt erstaunliche Ergebnisse zustande gekommen. Die Musiker der reinen Coverbands, seien sie auch noch so toll mit Alumnis verstärkt gewesen, hätten wohl lange Gesichter gemacht. Aber Ihr habt das vielleicht auch ganz anders erlebt... oder habt völlig andere Favoriten... gut so, dann hat ja jede/r doch das bekommen, was man/frau sich erhofft hat. Und noch etwas scheint generell zu begeistern: Rocktheater oder ungewöhnliche Inszenierungen auf der Bühne. Da fallen mir aktuell Sebkha Chott ein, aber ebenso Lazuli, Daniel Rohr und auch Sex Without Nails Bros. mit dem Joe´s Garage Musical.

Auf ganzer Linie enttäuscht hat mich Napoleon. Ein paar Titel mit dem Ensemble Ambrosius - das war´s! Auch für Napoleon? Unter diesen Umständen wird man es sich vielleicht überlegen, ihn noch mal zu holen. Sehr schade, denn ich mag ihn sehr. Ike, Denny, Robert und Ray waren meines Erachtens ausreichend präsent, so blieb es stets etwas Besonderes, was alle miteinander auch sind. Auch blieb so den anderen Bands mehr Luft, ohne von den ganz Großen erdrückt zu werden.

 

Caballero Reynaldo fand ich für die ersten vier bis fünf Songs ganz nett, wurde dann zwar nicht gerade langweilig, ich hatte jedoch das Gefühl, es wiederholt sich. Bands wie Orange the Juice und Beardfish brauche ich nicht, finde es aber gut, dass auch diese Musikrichtungen hier nicht zu kurz kommen.

Kein Rückblick ohne Resümee: 2.500 Zuschauer am Freitag, 3.000 am Samstag und wiederum 2.500 am Sonntag - ein Jahr Vorbereitungszeit, Verträge aushan- deln, Zusagen / Absagen, gut 100 Leute, die mitarbeiten, damit das Bier fließt, Toiletten und Duschen ok sind, Bühnen auf- und abgebaut werden und so weiter. Steht das in irgendeiner Relation zueinander? Ist das auf lange Sicht in dieser Form finanzierbar?

 

Die Ansprüche sind hoch, die Meinungen unterschiedlich: Klar, dass wir herkommen, um Zappa´s Musik so authentisch und so fein wie möglich gespielt zu hören. Klar, dass wir nach Flo & Eddie, Steve Vai und George Duke rufen. Wollen wir alles haben... Andererseits sehen viele (wie die Bad Doberaner Ostseezeitung) die Zukunft der Zappanale auf der kleinen Bühne. Bitteschön, dann aber ohne mich! Für lokale Nachwuchsbands und Punk-/Metal-Bands (auch oder gerade wenn sie Zappa covern), mache ich mich nicht auf den Weg.

 

Die Veranstalter und die Leute, die für die Bandauswahl zuständig sind, werden sich Gedanken machen müssen, wenn das Eigentliche bewahrt (finanziert), zudem aber auch jüngeres Publikum für das Festival und dessen Fortbestand gewonnen werden soll. Zugeständnisse werden von allen Seiten gemacht werden müssen. Dabei darf das Festival nicht das verlieren, wofür wir alle es lieben: seine familiäre Atmosphäre. Aber wir haben es ja im letzten Jahr erlebt: das Gelände verträgt locker 1.000 bis 1.500 Zuschauer mehr. Ich bin mal gespannt, wohin die Reise geht... Einen Fehler sollte man jedoch bitte nicht machen: Meinen, dass Bands, die auf dem Burg Herzberg Festival abgefeiert werden, automatisch eine Daseinsberechtigung auf der Zappanale haben. Und natürlich genauso umgekehrt.